Heinz Peter Knes

( Text )
gute Momente

(Im Zimmer, am Schreibtisch werden Decken über Stühle und Behelf gespannt, bis man es sich darunter bequem machen kann. Das Gebilde läßt sich wie ein Tor anschauen. Ein junger Mann aus Italien, eine Jungfrau, wie jemand meint, hilft beim Aufbau den Protagonisten Ano, Bül, Culi, Dän)

*

(Ano, beschäftigt mit etwas. Bül kommt herein)

Ano: Frank kommt nachher vorbei.
Bül: Ah ja? - ich mag ihn. (Pause)
Ano: Was hast du heute gemacht?
Bül: Ah, du weißt, den Frings getroffen, der mir sagt meine Bilder sind schlampig. In einem Cafe gesessen, wo ein Typ in ein Buch geschrieben hat. Als er mir auf’s Klo nachkam, habe ich ihm ein Gedicht aufgesagt, darauf hat er sich schnell verzogen.
Ano: (grinst) Ich geh’ duschen.

(Bül zieht sich die Schuhe aus, riecht unter seinen Achseln, setzt sich. Sitzt bis es klingelt.)

Frank: Ich kann nicht lange bleiben. Morgen früh hat es Arbeit. Ich wollte mich nur kurz etwas ablenken bei euch.
Bül: Schon gut. Was für eine Arbeit ist das?
Frank: Ich werde raus fahren mit Hubert, zum Vermessen.
Bül: Der Coder Hubert?
Frank: Ja, der! - er hat kürzlich geheiratet. Sein Freund brauchte einen Status - der Freund ist Brasilianer.

(Ano kommt ins Zimmer)

Bül: Aus welchem anderen Grund sollte man…heiraten!
Ano: Da bräuchte man vielleicht mal ein anderes Wort für.
Wie wär’s mit …Knicksen? (Lachen)
Frank: Hey was meint ihr, wenn es Wiedergeburt gibt, werden wir als Schwule wiedergeboren?
(Lachen)
…das fragte einer in die Runde, als ich letztens mit Karl zu seinem Anonymen-Treffen ging.
(Frank zieht den Pullover aus und legt sich unters Tor. Zugleich nimmt Ano die Kamera und geht in die Ecke gegenüber, nah heran an etwas sehr Kleines, schaut durch den Sucher, fokussiert, löst aus und geht wieder zurück)
Bül: Ich bestehe darauf als Schwuler wiedergeboren zu werden.
(lacht)
Ano: Ich hol uns was zu trinken.
Frank: Im Ernst, die eingefahrene Partnerschaft kann nicht das Ende der Entwicklung bleiben.

Bül (er geht zum Tor hinüber, stellt sich davor auf, steht also unmittelbar vor dem halbaufgerichtet sitzenden Frank, schlägt das Artaud-Buch über Heliogabal auf und liest vor):
Heliogabals Prunkliebe ist ebensowenig willkürlich wie seine wunderbare Inbrunst für die Unordnung.
Er klatscht der lateinischen Welt seine religiöse Ordnungsidee wie eine Beleidigung ins Gesicht; und er wendet sie mit äußerster Strenge an, mit einem Sinn für höchste Vollendung im Bereich einer okkulten, geheimnisvollen Idee von Vollendung und Einswerdung.
Heliogabal hat es auf eine systematische, erfreuliche Verderbnis des lateinischen Denkens und Bewusstseins abgesehen; und er hätte die Zerstörung der lateinischen Welt bis aufs äußerste getrieben, wenn er lange genug gelebt hätte, um sie bis zu einem guten Ende zu führen.

(Ano, jetzt in Shirt und Boxer, kommt zurück, stellt eine Flasche Wasser ab, nimmt die Kamera, geht Richtung Ecke gegenüber und fotografiert im Vorbei gehen ins Ungefähre ohne durch den Sucher zu sehen oder zu fokussieren, daraufhin legt er sich zu Frank unters Tor)

Bül: Heliogabal zieht am Morgen eines Märztages im Jahr 218 bei Tagesanbruch in Rom ein, zu einem Zeitpunkt, der etwa mit den Iden des März zusammenfällt. Und er zieht rückwärts ein. Vor ihm der von dreihundert Mädchen mit entblößten Brüsten gezogene Phallus; sie gehen vor den dreihundert Stieren her.
Er zieht ein in bunt schillernden Federn, die wie Fahnen im Wind flattern. Hinter ihm gespenstisch verschwommen, die goldene Stadt. Vor ihm die parfümierte Frauenherde, die dösenden Stiere, der Phallus auf seinem goldgepanzerten, unter dem riesigen Sonnenschirm aufblitzenden Wagen. Und an den Rändern die beiden Reihen der Schellenbaumschläger, Flötenspieler, Querpfeifer, Lastenträger, syrische Zimbelschläger.
Daß Heliogabal bei Sonnenaufgang, am ersten Tag der Iden des März in Rom einzieht, stellt zwar nicht aus römischer Sicht, doch aus derjenigen des syrischen Priesterstaates die verhüllte Anwendung eines zum machtvollen Ritus entwickelten Prinzips dar. Doch es ist vor allem ein Ritus, der vom religiösen Standpunkt aus bedeutet, was er eben bedeutet, doch vom Standpunkt der römischen Bräuche aus heißen will, Heliogabal ziehe als Herrscher in Rom ein, aber von Gnaden des Hinterteils, und lasse sich zunächst einmal vom römischen Reich sodomisieren.

*

Frank: with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return. with no return (beim wiederholen leiser werdend)
(gleichzeitig: Bül kniet am Boden mit einer vollgepackten und einer leeren Tasche. Er bewegt den Inhalt von der einen in die andere Tasche und wieder zurück. Wiederholt diesen Vorgang. Nach und nach kommen alle Protagonisten hinzu mit jeweils einer vollen und leeren Tasche und vollziehen die gleichen wiederholenden Gesten. Wie eine Choreografie werden nacheinander folgende Gesten zur Darstellung gebracht: das Knie, der Bogen des Rückens, Ausdruck der Hand, Puls fühlen, gehen, den Kopf ablegen, liegen.)

*

(Bül und Ano sitzen auf Hockern schauen jeweils durch Fotostapel)

Bül: Es gibt zu viele gestellte Fotos von dir.
Ano: Aber es sind doch deine Bilder. Du hast sie gemacht.
Es war vermutlich das was du sehen wolltest in dieser Zeit.
Bül: Ah. Die Posen und all das, das war eben das was du zeigen wolltest.
Ano: Schlecht, schlecht, schlecht! Bedauern im Nachhinein, das geht nicht!
Bül: Hey! (kurze Pause)
Vielleicht geht es ja um was ganz anderes. Vielleicht hat es mit etwas Überwundenem zu tun. Vielleicht hat es etwas mit dem Moment zu tun, als ich erfuhr, dass zu erst ich und dann auch du krank sind. Der Moment als du anfingst von Schuld zu sprechen. Weißt du, im Grunde, war das für mich schließlich eine große Erleichterung. - Da bereue ich tatsächlich gar nichts. Da hatte ich dann wirklich etwas gegen dieses Wort „Reue“. Asche über das Haupt streuen und so. Ist überhaupt nicht drin. Nein da habe ich nie etwas bereut…Es ist schon richtig, da ist irgendwas geplatzt, da hatten wir uns entzweit, aber, und ich möchte dass du das verstehst. Es war eine Befreiung. Wir hatten etwas ein für alle mal überwunden.
(schaut Ano an, eine Weile. Ano schaut auf ein Bild im Stapel und gibt es Bül)

Ano: Das unterbelichtete Blau, Welche Dunkelheit war das? War es so im Moment des Fotografierens? Oder ist das Bild einfach nur unterbelichtet?
Bül: Ich kann es nicht sagen; kann’s nicht mehr rekonstruieren. Ich habe das Bild jahrelang gar nicht wahrgenommen auf dem Kontaktbogen. Dort taucht es ohne Variation auf. Es gibt kein Bild davor oder danach, das Hinweise gäbe. Die anderen Bilder auf dem Streifen sind zwar auch in dem blauen Zimmer gemacht. Aber es ist eine ganz andere Situation. Man sieht nur die beiden erregten jungen Männer. Der eine schneidet dem anderen die Haare.

Ano: Und das Nasenblut, du weißt schon, es schmierte über die Körper. Hast du noch das Bild davon?
Bül: Ich hab’ es, aber ich hab’ beschlossen es nicht herzuzeigen. Es ist zu monströs!
Ano: Und eine unterbelichtete blaue Wand findest du nicht monströs?
Bül: Ich finde das unterbelichtete Zimmer ist vor allem ein Rätsel. Niemand weiß überhaupt warum das Bild existiert.
(nach zwei Atemzügen) Weißt du, ich kann mich darin ausruhen.

(Ano steht auf, geht…geht hinüber in den anderen Raum, wo zwei Leute unter der Torsituation einander zugewandt sind, sieht irgendwie aus wie Le Déjeuner sur l’herbe. Ano nimmt die Position der Hintergrundfigur ein)
(Dän und Frank betrachten das lebende Bild in einiger Entfernung am Boden sitzend)

Frank: Siehst du die Vase?…Ich könnte sie stehlen, ohne dass jemand etwas davon merkt.
Dän: Um sie mir zu geben, damit ich, in Kollaboration mit dir, den Mund halte?
Frank: Vielleicht. Hätte ich die Chance dich als Kollaborateur zu gewinnen?
Dän: In dieser Sache? Ich weiß nicht.
Weißt du ich bin eigentlich für die gute Meinung. Dass jemand es gut meint, verstehst du, da liegt mir was dran.
Frank: Ich meine aber, würdest du mich dabei fotografieren, wie ich die Vase einstecke,
hättest du mich in der Hand. Dann wäre es eine bewiesene Sache, nicht?
Dän: Schon, aber auch wenn ich nur darüber mündlich berichte, dass du die Vase eingesteckt hast, ohne das Bild zu haben, das reicht doch schon, damit ist es schon in der Welt.
Frank: Ist das also ein Ja?

*

(Bül nimmt das schwarz-weiß Foto und streicht es lange mit Vaseline ein, bis eine ordentliche Schicht darauf gleichmäßig ausgebreitet ist. Steckt es in eine transparente Plastiktasche. Aus einer anderen transparenten Folientasche nimmt er ein zweites Bild, um auch dieses Foto mit Vaseline einzustreichen; während…)

Culi: Mary Wigmans „Hexentanz II“ wurde 1926 auf Film aufgezeichnet. Ebenso entstanden enigmatische Fotografien von Charlotte Rudolph, die vielfach zirkulieren. Weniger bekannt ist ein Foto von E. Bieber.
Wigman hat neben ihrem Lehrer Rudolf von Laban und anderen eine moderne Form von Tanz, den sogenannten Ausdruckstanz entwickelt, der sich aus der Freikörperbewegung um Neunzehnhundert heraus ergab: Ein Abwenden von Ballet, Opernhaus und Orchesterbegleitung.
„Hexentanz“ wurde in der ersten Version ganz ohne Musik gezeigt. Auf der Tonspur zu den erhaltenen Filmaufnahmen zu „Hexentanz II“ hört man Schlaginstrumente. Die Tänzerin, Wigman, trägt eine Maske entworfen von Viktor Magito, die zusammen mit den exaltiert groben, auf etwas Statisches hin ausgeführte Bewegungen, einen dramatischen Eindruck machen.
Masken und sackige Gewänder, in den 1920er Jahren häufig Teil der Choreografien, verwehrten den sexualisierenden Blick der Betrachter. Mehr noch, die Masken leiteten den Blick um und schauten auffordernd zurück den Betrachter an.
Auch heute noch beeindruckt der Entwurf der starken dämonischen Frauenfigur des „Hexentanz“. Sieht man weitere von Wigmans Arbeiten, lässt sich die Nähe zu Expressionismus und ein Hang zu „Ecce Homo - Pathos“ nicht verleugnen.
Um 1930 stagnierte, der in kurzer Zeit populär gewordene Ausdruckstanz. Erst eine spätere Generation wird die Emotion von der Bewegung trennen und auch nicht mehr von Ausdruck sprechen wollen.
Die Protagonisten des Ausdruckstanzes entwickelten ihr Programm mit der Machtübernahme der Nazis in deren Sinne weiter, wie auch Wigman, deren Arbeiten nach 1933 Ent-Emanzipiert, auf Verinnerlichung, Unterwerfung und das Einfügen in den ideologischen „Vokskörper“ ausgerichtet sind. Nach 1945 wird sie sich, wie man es von anderen prominenten Kulturschaffenden in Deutschland während der Nazi-Zeit kennt, als Opfer der Umstände beschreiben.

*

(Dän und Bül bauen das Decken- und Behelf-Gebilde um, dabei verliert es seinen „Tor“-Charackter während sie sprechen)

Bül: Vor kurzem sprach mich ein Junge auf der Straße an und bot mir an meine Zahl zu errechnen. Eine Glückszahl oder vielleicht Schicksalszahl, ich weiß nicht. Es war jedenfalls die vier. Wir gingen wie selbstverständlich ein Stück zusammen und redeten. Er sagte mir bald dass er heroinabhängig sei. Ich spitzte das Thema zu und schließlich meinte er, dass er mir für 40 Euro einen blasen würde. (Nach kurzem Schweigen) Ich mochte es neben ihm her zu laufen. Ich fühlte mich wohl in seiner Gegenwart. Als wir an einer Restaurant-Terasse vorbei kamen stahl er eine dort dekorierte Fackel und schenkte sie mir. Danach verabschiedete er sich dann schnell.
…Jetzt geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. (kurze Pause)
Dän: Wie sah er aus?
Bül: Er hatte dunkle Locken und war kleiner als ich.
Dän: Sein Alter?
Bül: Vielleicht 18.
Dän: Was noch?
Bül: Er trug die Hemdsärmel hochgekrempelt.
Dän: Das Hochkrempeln der Ärmel ist ein Code der Arbeiterklasse.
Bül: Ah ja? Wenigstens in der Sexualität habe ich meine Klasse nicht verlassen. Ich konnte nie mit bürgerlichen Typen Sex haben.

(nach einer kurzen Weile des schweigsamen Weiterbauens)

Dän: In der Apollo-Sauna hat es vor ein paar Tagen gebrannt. Wahrscheinlich ein technischer Defekt - man weiß es nicht genau. Aber drei Männer hat man tot in den Saunakabinen gefunden. Vermutlich erstickt.
Bül: Ich war da mal, ist jetzt schon Jahre her. Ein altmodischer, dunkler Schuppen. Die Polster wollte man nicht im Hellen sehen.
Seine Zeit hatte es da schon hinter sich. Vor allem ältere Kundschaft, die da aus einer Gewohnheit hingingen, der alten Zeiten wegen. Der Ledermann erzählte davon, wie schon am Nachmittag sich die Leute da einfanden …und wenn es dann dunkel wurde, füllte es sich richtig auf ..der Geruch von Poppers..und im Prinzip eine einzige versaute große Orgie; jeden Tag.
Dän: Das kenne ich von New York.
Bül: Die New Yorker Geschichte von Cruising hat aber noch mal eine anderen Ton Dän, findest du nicht?
Dän: Doch, doch! Erstmal ist es eine wesentlich größere Stadt, ein wirklicher Mix. Typen aus allen Ecken der Welt. Aber das erklärt nicht alles. Ich glaube, Europäer sind sentimentaler. Europäer sind nicht so cool, wie es der New Yorker, speziell der New Yorker ist. Für den New Yorker ist ein Turn On im Augenblick das Optimale. Der New Yorker versucht das Beste herauszuholen. Er versucht dem anderen ein Rollenverhalten aufzuzwingen. Und es geschieht da eigentlich eine Art von programmiertem Verhalten. Es ist festgelegt. Man hat seine spezifischen Lustbarkeiten, die man erdulden oder die man praktizieren will und sobald das vorüber ist, ist es gestorben …dann hat man sich nie gesehen. Und diese Art von Verhaltensschema haben die New Yorker bis zur Perfektion entwickelt. Und von dort wurde es in die Provinzen der Welt getragen.
(während Dän das erzählt, ist Bül aufgestanden und sucht)
Bül: Wo ist die Vase?

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(Decken und Behelf liegen auf einem Haufen. Ein Foto der Vase im Aufstellrahmen steht davor. Ein junger Mann aus Italien, eine Jungfrau wie jemand meint, sitzt auf einem Stuhl daneben.
Ano kommt herein setzt sich neben den jungen Mann auf den Boden und legt seinen Kopf auf dessen Schoß. Culi kommt herein und setzt sich auf den Haufen von Decken un Behelf.)

Culi: Fotografen mögen Close-ups. Sie machen uns glauben, dass im Nahen ein Gefühl vorhanden wäre, dass bei größerer Distanz nicht mehr rüber käme. Ihr ganzes Augenmerk arbeitet an der Verstärkung der scheinbaren Gefühlsauslöser. Dabei wäre doch deren Aufgabe zu jedem Motiv einen Abstand von mindestens 5 Metern einzunehmen und keine Brennweite über 75mm zu verwenden.

(Ano steht auf)
Ano: Ich hatte es nicht gleich gemerkt. Erst war er nur mehr distanziert, weniger präsent. Über die Vase hatten wir gesprochen, aber er hatte mir nicht gesagt, was er über deren Verschwinden wußte. Schließlich verblasste das Thema. Und dann war er weg. Ohne irgendein Wort. Auch Frank war weg. Alles war so rätselhaft. Schließlich, nach Wochen, hörte ich dass sie zusammen gezogen waren. In einem anderen Teil der Stadt wohnten. Dass sie sich über mich beklagten. Ich würde nur noch von Geld reden und mit Leuten verkehren, die meinem Vorankommen nützlich seien.

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