Der Medienwissenschaftler Victor Burgin stellt fest: "Fotografien bieten sich unverlangt an; während sich Gemälde und Filme sogleich als Objekt einer kritischen Aufmerksamkeit präsentieren, werden Fotografien eher als Teil der Umwelt aufgefaßt."

Erst die durch kurzatmige Informations- und Werbeabsichten zurückgestutzte Fotografie entwickelt Möglichkeiten einer komplexen Darstellung, gerade im gesellschaftlichen Bereich. Gesellschaft spielt sich ab zwischen Menschen und zwischen Menschen und Verhältnissen.
Viele Fotografen dieses Buches erarbeiten ihre Bilder in einer wirtschaftlich desolaten Situation. Die besten Arbeiten entstehen nicht nur unbezahlt. Sie sind mit Verzichten auf Absicherung und Stabilität erkauft.

Über den Ausschnittscharakter der Fotografie kann es keinen Zweifel geben. Daraus ergeben sich nicht nur Gestaltungsmittel für jedes einzelne Bild. Damit verbunden ist auch eine prinzipielle Begrenztheit in der Aussagefähigkeit einer Fotografie über komplexe Zusammenhänge. In der materialistischen Erkenntnistheorie gibt es die schöne Anekdote, die von einer Schar Blinder handelt, welche einen Elefanten betasten und ihre Erfahrungen über die Wirklichkeit - des Elefanten - mitteilen. Die Geschichte erzählt Lenin. Sie hat ihren Sinn natürlich darin, daß sie eine Synthese nahelegt. Die verschiedenen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Weltbilder sind richtig im Einzelnen und in der Verallgemeinerung falsch.

Der Kunstschriftsteller John Berger entwickelt in seinem Essay "Möglichkeiten der Fotografie" einen Gedanken, der dem sehr nahe kommt, was wir meinen und was wir zu realisieren versucht haben. "Eine alternative Nutzung bereits vorhandener Fotografien führt uns wieder zurück zum Phänomen des Erinnerungsvermögens. Das Ziel muß sein, einer Fotografie einen Kontext zu geben, und zwar mit Worten, mit anderen Fotografien und dadurch, daß man ihr einen Platz in einem fortlaufenden Sinngefüge aus Fotografien und Bildern zuweist...
Das Erinnerungsvermögen ist alles andere als geradlinig. Es arbeitet auf radiale Weise, d.h. mit einer enorm großen Menge von Assoziationen, die alle zum gleichen Ergebnis führen... Wollen wir eine Fotografie in den Kontext der Erfahrung stellen - der sozialen Erfahrung, der des sozialen Erinnerungsvermögens - müssen wir die Gesetzmäßigkeiten der Erinnerung respektieren. Wir müssen das gedruckte Foto so situieren, daß es etwas von der überraschenden Schlüssigkeit dessen bekommt, das war und ist...Um die Fotografie herum muß ein Radialsystem errichtet werden, so daß man sie gelichzeitig unter verschiedenen Aspekten sehen kann: persönlich, politisch, ökonomisch und historisch. Dieser Gedanke wird insbesondere der Mehrdeutigkeit gerecht, die jede Fotografie zugleich auszeichnet und belastet. Immer wieder versuchen Fotografen in künstlerischer Absicht und die Verwerter von Fotografien in Werbung, Publizistik und Kunsttheorie diese Offenheit einzuschränken, ihr eine bestimmte Zielrichtung zu geben, ihr Freibeuterdasein in Dienst zu nehmen, und immer verursachen solche Versuche eine Art Blutkrebs, die faszinierende Blässe einer kranken Hätere, die den ersten Blick auf sich zieht, aber den zweiten nicht mehr halten kann.

"Systeme und Begriffe werden oft in Jahresfrist verbraucht", stellt Wolfgang Kemp fest. Die Prozession der Theorien erinnert an die Stilparade der Moderne. Der Innovationsdruck behindert eine konstruktive Weiterentwicklung. Damit verspielt die Theoriebildung weithin die Chance einer wissenschaftlichen Kontinuität.
Die "Überantwortung an die Mode", vor der Walter Benjamin die Fotografie - vergeblich - warnte, bedroht auch die Theorie der Fotografie. Deutlich wird auch der spekulative Charakter in der Theoriebildung, den freien Entwürfen von Ideologien, deren propagandistische Funktionen all zu deutlich durchschlagen, und in dem Vorrang der Behauptung vor der Analyse.

"Solange der Fotograf der Sache, die er aufnimmt, eine größere Bedeutung zubilligt als dem Problem, nach welchen bilderischen, kompositorischen Vorschriften er sie im Bild plazieren soll, wird er eine spezifische fotografische Ästhetik fördern.", Wolfgang Kemp. Oder an anderer Stelle: "Der Wert einer fotografischen Aufnahme bemißt sich nach der Einsicht, die sie in die Zusammenhänge der Wirklichkeit gewährt, nicht nach der bildnerischen Methode, die ihre Bildwerdung begleitet hat."

Einer der späteren Texte Klaus Honnefs hat den Titel "Das Portrait im Zeitalter der Umbrüche". In Theorie und Fotografie wird ständig umgebrochen, offenbar sind wir ein Acker, der mindestens einmal jährlich gepflügt wird. Hier arbeitet Honnef die Pflichten des Autorenfotografen im unbeirrbaren Kampf gegen das Klischee heraus. Hier reiht er sich ein unter die Theoretiker, welche versuchen, dem Medium die Zähne zu ziehen, ihm das Beißen zu verbieten und es auf Singen festzulegen, denn um was sonst handelt es sich als um Schattenboxen im Zirkus der Medien: "Die neuen Bildformen verfestigen sich kraft massenhaten Gebrauchs selber verhältnismäßig rasch zu konventionellen Bilrastern, zu Klischees und müssen durch permanente Attacke beständig aufgebrochen werden." Statt Auseinandersetzung mit der in der Tat schwer faßbaren und kaum durchschaubaren Wirklichkeit meint er nun:"...Die Funktion einer avancierten Fotografie besteht... in der unaufhörlichen Erneuerung des jeweiligen fotografischen Bildbestandes."
Für eine solche Rolle des Entertainers im Museum der Fotografie, der Rolle eines Puzzlemonteurs im Bilderknast, sind unbezahlte Autorenfotografen gesucht als Zulieferer neuen Materials, als Kanonenfutter in der verlorenen Schlacht gegen die Langeweile im Kulturbetrieb. Eine Fotografie, die nichts tut als gegen Bilder zu kämpfen. Der Rückzug auf ästhetische Probleme bezeichnet ihre Niederlage im sozialen und politischen Kampf.

"Der Fotograf ist isoliert und er verhält sich auch so. Freundschaften und persönliche Verbindungen zwischen Fotografen sind selten. Unsere Untersuchungsergebnisse legen den Schluß nahe, der Fotograf sei "Individualist", "Partikularist", "ängstlicher Hüter der eigenen Arbeiten", kurz ein "Freischaffender", der "die Ideen anderer klaut und unfähig zur Kooperation ist".

aus Jörg Boström's Text "Doppelportrait" für den Band "WIR - Fotografen sehen die Bundesrepublik", 1984