very near sighted, but unspectacled, 2013
39 Prints (schwarz-weiß, PE), 8 x 11 inch (20,32 x 27, 94 cm)

1

Bei einer zufälligen Begegnung auf Madison Avenue kommen wir auf Francesca Woodman zu sprechen. Moyra Davey hatte uns auf die Arbeit von Woodman aufmerksam gemacht, die mich an die von Herve Guibert erinnerte. Seine Bilder scheinen, ähnlich wie die von Woodman, in ihrer Konserviertheit gültig geblieben zu sein. Sie erinnern an die Zeit, als man dem Selbst Altäre schuf. Rufer des sich Aussetzens. Kein als-ob und kein über-Bande-spielen. Nicht dass es in diesen Arbeiten nicht auch um ein Spiel gegangen wäre. Nur der Einsatz war in deren Fall unmissverständlich ein anderer. In Negativ-Zeiten hatte man es eben mit anderen Geistern zu tun.

Ich musste schmunzeln als ich Bill Horrigans Kommentar las, wonach es von Herve Guibert zu viele Selbstportraits gäbe. Ich wollte von ihm wissen, wann seiner Meinung nach Selbstportraits berechtigt seien. Seine Antwort verschaffte mir einen süßen Stich, denn ich konnte mich an die Notwendigkeit erinnern, als er beschrieb, dass Selbstportraits in gewissen Lebensphasen eine Möglichkeit sind, sich die Relevanz zu verschaffen, die einem ein Umfeld versagt. Es gibt den schönen Moment darin der Welt unvoreingenommen zu widersprechen.

Als wir bei anderer Gelegenheit auf Guibert zu sprechen kamen, bewunderte Jason Simon das detaillierte Erinnerungsvermögen in dessen Texten: "Die Photos, auf denen ich Kind bin und die ich bereits mehrfach habe sehen müssen, decken sich nicht mit meiner Erinnerung: trotz ihrer fühlbaren Realität konnten diese Photos keine Erinnerungen zustande bringen, die vor denen liegen, die mein Gedächtnis sehr wohl gespeichert hat."?"In der Tat habe ich keine Lust, mich an diese kleinen Photoszenen zu erinnern: Sie sind nichtssagend und weit weniger heftig als die Erinnerung. Mein Körper ist in die Gruppe der Familie wie in einem Laufstall eingeschlossen, er hat keine eigene Geschichte."?"Ich entsinne mich einer kleinen Szene, die mich sehr verblüfft hatte, als ich acht oder neun war. Meine Schwester war zwölf oder dreizehn, und ihre Brust, hoch und fest, war gerade ein bisschen zum Vorschein gekommen. An einem Morgen, sicherlich ein Sonntag, hatte sie sich im Bad eingeschlossen. Und mein Vater stand mit dem Photoapparat in der Hand vor der Tür und wollte hinein. Er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und sagte, daß er die Brust seiner Tochter photographieren wollte, denn die Brust, so meinte er, sei in diesem Alter, wenn sie sich zu bilden anfange, in ihrer vollen Schönheit, und wenn man sie da nicht photographiere, wäre dieser perfekte Zustand für immer verloren - so jedenfalls lautete sein Argument. Zum einen versagte er sich schmerzlich die indirekte Aneignung über das Bild und kämpfte doch gegen diese Eingrenzung, wollte um ein winziges Stück den Moment der Enthaltung, des Verzichts zurückdrängen; zum anderen wollte er seine Vaterrolle überschreiten, um in die des Liebhabers, des gewöhnlichen Voyeurs, zu schlüpfen, denn bestimmt war zwischen Vater und Liebhaber kein besonderer Unterschied im sexuellen Verlangen." (Guibert, L'image fantome, 1981)

Nach beinahe zwanzig Jahren war die Möglichkeit Fotos von ihr zu machen vorbei. Das Vertrauen, das Interesse, die Freundschaft annulliert. Ich bat sie um ein Treffen, um darüber zu sprechen. Die Bilder waren längst nicht mehr wichtig, aber das was das Verhältnis zerrüttet hatte schon. Sie ist darauf nicht eingegangen. Ganz Sphinx, wie es auf manchen dieser Fotos eingefangen ist, hat sie sich ins Ferne entzogen. Nichts ist tragisch daran. Es ist der normale Übergang.

Es steigt unmittelbar die Welt der dreckigen, dunklen Bahnhöfe auf, wenn ich an den Film "L'homme bless" denke. Ein stinkendes Bahnhofsklo: der Prolog. Es waren von heute aus gesehen die letzten Atemzüge vom Geheimnis. Der Protagonist geht tonlos und willig die Treppen hinunter, um dort Schrecken und Trost zu finden.
So sind seine Texte: sich Sehnen nach Verführung und Schmerz. Auch wenn die Notwendigkeit das Leben zu Ästhetisieren schon immer eine rechte Zumutung ist, bleibt für mich bei Guibert immer ein Misstrauen in sein Motiv mit eingefangen. Sein Reflex zur Tradition hat kein Bewusstsein für das, was zu überwinden wäre.

Doch vorher, am Anfang, ist es nur dieses kleine Zimmer. Etwas zum Schreiben, ein Fenster, die Sonne draussen. Hinein wollen nur die befohlenen Geister.
Später wird er das Zimmer Sakristei nennen. Man muss es sich ja doch einrichten. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Schnell hatte er gelernt, dass diese Dinge sich nicht selbst entscheiden. Das Thema AIDS hat Guibert in seinen Fotos ausgespart. Er hat darüber ein Video gemacht und Texte geschrieben. In seinen Fotografien findet man die Krankheit nicht. Es gibt gesetzte Tabus, die jemand anderes anders versteht. "Wie man schaut entscheidet das Finden."

2

Die hier gezeigte Foto-Serie entwickelte sich Anfangs als Ansammlung von Momenten der Störung. Störung insofern, als hier zunächst fotografische Bilder zusammen kamen, die man für gewöhnlich aus einer Selektion ausschließt, da es darin formale oder technische Unzulänglichkeiten gibt. Da diese aber gleichzeitig einen Reiz ausübten, fanden sie sich in einer Fotoschachtel wieder und es begann eine Beschäftigung damit. Sie forderten auf darüber nachzudenken, was das Unzulängliche im analogen fotografischen Bild bedeutet.

Was ich Ihnen heute als eine Foto-Serie präsentiere, war über die meiste Zeit eigentlich keine. Schon eher war es ein Auffangbecken von Unverstandenem. Etwas, das in seiner Komplexität schon weiter ist als man selbst. Wo einem nur der Instinkt sagt, es gibt hier etwas, was zu verstehen ich mir wünsche. So sind diese fotografischen Dokumente im Prozess von alltäglicher Beschäftigung in einem Arbeitsraum von Stapel zu Stapel und von Ecke zu Ecke gewandert, bis sie sich zusammen klumpten, also doch eine Serie wurden. Ich stimmte schließlich zu, dass sich hier eine Sache mitteilen will.

1989 habe ich angefangen zu fotografieren. Zumindest habe ich dann angefangen meine belichteten Filmrollen zu archivieren. Und bis in diese Zeit gehen manche der Aufnahmen in dieser Serie zurück. Der überwiegende Teil der Bilder datiert bis 2009; solange habe ich auf Film fotografiert.
2013 wurde diese Serie das erste Mal gezeigt. Die Schachtel mit den Prints lag zur Ansicht auf einem Tisch in der Galerie Callicoon Fine Arts in New York. Jason Simon und Moyra Davey hatten mich zu einer Gruppenausstellung mit dem Titel „To The Friends Who Safed My Life“ eingeladen, die sich auf den französischen Autoren und Fotografen Herve Guibert bezog.

Die Serie trägt seit der Ausstellung den Titel „very near sighted, but unspectacled“. Ein Zitat von Samuel Beckett. Es ist eine Bühnenanweisung des Autors und Regisseurs, auf die mich der Kurator und Autor William Horrigan aufmerksam gemacht hatte.

3

Das Unzulängliche läßt sich fortschreiben über etwas Formales oder Technisches hinaus. Es ist über die fotografische auch eine gesellschaftliche Erfahrung. Mit durchaus unterschiedlichen Positionen. Nicht nur das Subjekt genügt den Erwartungen nicht. Denn was mag uns eine steinerne Rampe sagen, die man in den Weinbergen bei Würzburg für Hitler gebaut hat, der diesen Ort nie aufsuchte und die dort immer noch steht (1995). Was das ehemals jüdische Viertel von Burgsinn. Was sagt uns das Grab einer Katze auf einem Tierfriedhof in Berlin. Eine Warteschlange am Eingang des Grand Palais an der Avenue du Général Eisenhower. Das Portrait einer Schauspielerin die gegen ihr Bild Bedenken anmeldet. Die Flick-Collection wird eröffnet. Junge Männer wechseln ein Nummernschild aus. Umgelegte Tische in einem Seminar-Raum der Humboldt-Universität. Die Schüchternheit eines Kommilitonen aus Algerien.

Die Sache ist ungeeignet für Theorie. Es möchte nur eine Erfahrung fotografisch akkurat wiedergeben. Sie mag sich wohl wehren gegen Geschichtsschreibung und dies mit gutem Grund. Aber es ist in dem was es zeigt aufrichtig und so umfassend wie möglich.