(Die Fotosituation in Josef Winklers Textproduktion)

Genet klebte 20 Fotografien, auf denen junge Männer und berühmte Mörder abgebildet waren, mit gekautem Brotteig auf die Rückseite einer an der Wand hängenden kartonierten Gefängnisordnung. Einige Fotos waren mit den kurzen Enden von Messingdrähten festgesteckt, auf die er im Auftrag der Gefängnisverwaltung bunte Glasperlen aufziehen mußte. Unter diesen Bildern befand sich auch der aus einer Zeitschrift herausgeschnittene Kopf von Maurice Pilorge. 1

Er verstellte seine Jünglingsstimme zu einer Frauenstimme und rief, Schwuli! Ich reagierte nicht darauf und blickte ihm weiter aufdringlich ins Gesicht. Er gab seinem Freund einen Deuter mit seinem Kopf und empfahl ihm, die Szene zu beobachten, trat nahe an mich heran und sagte, Gefällt dir mein Gesicht? Warum schaust du mich immer so an! Ich wollte den schwarzhaarigen Knaben fragen, ob ich ihn fotografieren dürfe, damit ich wenigstens, wenn ich alleine im bäuerlichen Gefängnis sitze und meine Hüften entblöße, auf sein Bild starren kann. Fällt der Samen auf meinen warm werdenden Bauch, werfe ich das Bild des Knaben auf den Boden und zerreiße es. 2

EINMAL HABEN SIE mir gestanden, daß Sie Angst davor haben, auf der Zugtoilette zu sitzen, da in diesem Augenblick der Zug entgleisen könnte, besonders dann, wenn Sie nach Frankfurt zur Buchmesse fahren, wo Sie einmal von einem Fotografen mit gezückter Kamera gefragt wurden, ob Sie sich vielleicht für ein Portrait dort, dort drüben! sagte er, an die Wand stellen könnten. 3

Starker Wasserlärm. Am Strand entlang gehend, fällt mir als Titel für meinen Roman Humanisierung eines Mordes ein. Humanisierung eines Mordes blättert es dauernd von meinen Lippen. Jetzt heißt es, jemandem lächelnd die Hand geben, sich mit ihm zum Meer drehen, von den Blitzlichtern der schäumenden Meereswellen fotografieren lassen und im Chor sagen. In großer Angst vor den eigenen Folgerungen. „Humanisierung eines Mordes.“ 4

Eine Blitzlichtaufnahme des Todes wurde gemacht. Kleine Kinder werden von den Mägden in die Höhe gehoben und betrachten staunend den Pferdekopf.
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Die Straße in Biel entlanggehend, sah ich, nachdem es im Kasten mehrere Male aufblitzte und der Schein in einer Wasserlache auf dem Asphalt aufzuckte und sich widerspiegelte, einen schönen, jungen Neger aus einem Fotoautomaten treten. Ich blieb stehen, täuschte vor, auf den betriebsbereiten Automaten zu warten. Den herausgleitenden Bildstreifen zwischen seinem schwarzen Daumen und Zeigefinger festhaltend, hauchte er zärtlich auf die noch feuchten Abbildungen seines Kopfes. Hätte er den Bildstreifen nur hin- und hergefächelt, damit er vom Luftzug schneller trockne, hätte er sein Gesicht auf dem Bildstreifen nicht angehaucht mit seinem Atem, wäre ich nicht schnell über die Straße gegangen in ein Kaffeehaus und hätte Notizbuch und Füllfeder nicht herausgezogen. 6

Eine Liliputanerin wollte das Colosseum fotografieren, aber als sich unsere Blicke trafen, nahm sie den Fotoapparat erschrocken vom Gesicht, drehte sich um und lief, zwei-, dreimal um sich blickend, weit von mir weg. 7

Im Messaggero fand ich ein Foto, das ich in mein Straßennotizbuch klebte, auf dem die eingetrockneten und eingekleideten Leichen der Bischöfe und Kardinäle aus dem Priesterkorridor in den Kapuzinerkatakomben in Palermo abgebildet sind. 8

Die Stelle, an der Pier Paolo Pasolini ermordet wurde, ließ ich mir nie zeigen, ich wußte immer nur ungefähr, wo er zu Tode kam, aber ich wollte den Blutfleck nicht sehen, den ich natürlich zwei Jahrzehnte nach dem Mord noch gesehen hätte, hätte ich am tatsächlichen Tatort gestanden. Ich war ohnehin schockiert genug, als dann einmal während meines Rom-Aufenthalts eine italienische Wochenzeitung den nackt auf dem Bauch auf dem Prosekturtisch liegenden Pier Paolo Pasolini abgebildet hatte, das Foto war Jahre nach seinem Tod aus der Projektur geschmuggelt und von einem schamlosen Wochenblatt der Öffentlichkeit gezeigt worden. 9

Als sich zwei Touristen links und rechts vom grimassenschneidenden, seinen Oberkörper hin- und herzeigenden Mann fotografieren ließen, biß er mit weit aufgerissenen Augen dem aufgesteckten Negerkopf in die roten schwulstigen Lippen und jammerte wieder mit theatralisch schmerzverzerrtem Gesicht „Mamma! Mamma!“. 10

Die roten, langen Fingernägel der blonden, vergoldete Augengläser, goldene Hals- und Armbandketten und goldene Ringe tragenden solargebräunten Eingeweideverkäuferin, die mit einem spitzen Messer an mehreren Lungenflügeln herumschnipselte, waren ständig blutbeschmiert. In ihrem verglasten Eingeweidekasten hing ein großes, gerahmtes Farbfoto an der Wand, auf dem einjährige Zwillinge abgebildet waren. 11

Vor weniger als zehn Jahren, als sie mit Schlaftabletten sterben wollte, ging sie vorher zum Friseur und zum Fotografen. Die Farbbrustbilder legte sie auf ihren Nachttisch und schluckte weinend und betend unter der grünen Hinterglasmuttergottes im Bett sechzig leichte Schlaftabletten. 12

Jedesmal, wenn ich fotografiert werde, glaube ich in der seltsamen Starrheit der Bilder umgebracht worden zu sein. Die offenen Augen auf dem Foto starren in den Tod. 13

„Lascialo in pace!“ sagte scharf und bestimmt der Ananasverkäufer mit völlig verhärtetem Gesichtsausdruck, als er von Piccoletto gefragt wurde, wer denn der Junge sei, dessen vergoldetes Antlitz als Vexierbild, einmal mit geöffneten, einmal mit geschlossenen Augen, je nach dem, wie sich der Ananasverkäufer bewegte, an einer vergoldeten Kette um seinen Hals hing. 14

Ich hob die zerrissenen Brustbilder auf, die ein venezianischer Junge an der Stazione Central in einem Fotoautomaten gemacht hatte, und klebte sie in mein Straßennotizbuch. 15

Blindlings, lachend, die Füße gehoben, fuhr er auf die Straße hinaus, fest hielten seine Hände den Lenker des Fahrrades, er spürte den Fahrtwind, auf der Straße stoppte ein schnelles Auto das Leben dieses zwölfjährigen Kindes. Was ich jetzt noch sehe, ist ein zerbeultes Fahrrad, Speichen, die in der Sonne glitzern, das Rad dreht sich weiter, fassungslos steht die Mutter vor ihm. Ein Bogen Packpapier liegt über seinem Leichnam. Links kommt die ausgerissene Gummihosenleiter vor. Alle Autos verringern ihre Geschwindigkeit, sie haben Achtung vor Verkehrstoten. Die Mutter fällt im feuchten Gras auf die Knie und erhebt sich wieder. Ein vorbeifahrender Autoinsasse fotografiert. Die Zeitungen kopieren das Bild. Die Mutter will ihre Hände vors Gesicht werfen, aber wieder ist sie fotografiert worden, in dem Augenblick, als ihre Hände fünf Zentimeter über ihrem Gesicht lagen. Auch ich kann nicht sagen, daß die Innenflächen ihrer Hände tatsächlich auf ihrer Gesichtshaut lagen und daß durch ihre Finger die Tränen rannen, weil ich nur mehr das Bild dieses Fotos in Erinnerung habe. Hier hakt das Zahnrad meiner Sprache ein und bringt die Familie in einem letzten Bild zum Stillstand: Schwarz ist die Schlange der Menschenmenge, bekannte Gesichter sind darunter. 16

Neben dem Verkaufsstand des einäugigen, Totenartikel verkaufenden Transvestiten befindet sich der Holzverschlag eines jungen, bärtigen Fotografen, der auf Wunsch der Angehörigen vor der Einäscherung Gruppenfotos mit dem Leichnam und mit den Verwandten macht. 17

Der alte Vater eines vierzehnjährigen, nur einen engen, seine Hüften und Hinterbacken einschnürenden Lendenschurz tragenden Bauernjungen, der mit seinen älteren Brüdern die Wasserbüffel in den Fluß hineingetrieben und ihnen mit einer Bürste Rücken und Kopf abgerieben hatte, stellte sich für ein Fotoportrait neben seinen vierzehnjährigen Sohn und hob zu meiner Überraschung seinen Lendenschurz, so daß man seine schwarzen, großen, weit hinunterhängenden Geschlechtsteile sehen konnte, aber noch ehe ich das Objektiv der alten mechanischen Kamera eingestellt hatte, schämte er sich, ließ den Lendenschurz fallen und verschwand aus dem Bild. Es war ihm und den anderen ringsum stehenden, hockenden und ihre Kleider waschenden Indern aufgefallen, daß ich die Schönheit seines Sohnes bewunderte, und er hatte zu meiner Verwunderung im ersten Moment den Mut gefunden, offenbar auch das Bedürfnis gespürt, die Geschlechtsteile zu zeigen, mit denen der vierzehnjährige Nachzügler gezeugt worden war, ließ aber im letzten Moment, bevor ich abdrücken konnte, seinen Lendenschurz fallen und verschwand von der Bildfläche. 18

Bei den Dobris neben dem Einäscherungsplatz wälzte sich ein kleiner Junge auf dem Rücken im warmen Sand hin und her, riß seine Beine auseinander, holte den Zipfel seines Gliedes aus dem offenen Hosenschlitz, zog an seiner Vorhaut und rief: „Hallo! Foto! Foto! Hallo! Foto!“ 19

Ich erinnere mich, wie Robert auf einem Volksfest, kurz vor ihrem gemeinsamen Tod, betrunken auf Jakob zuging, im Weinen und Lachen schrie, Du bist mein Freund, und Jakob umarmte. Ich sehe, wie auf dem Farbfoto der Priester Jakob Kanne und Weihwasser gibt. Die Menge zerstreut sich. Ministranten und Priester treten in den Rhombus der Kirche. Das Farbfoto leert sich. An der linken Seite kann ich noch erkennen, wie eine schwarzgekleidete Frau ihren Fuß aus dem Bild zieht. Jetzt ist das eingerahmte Bild weiß. Dorthinein schreibe ich dieses Buch. 20

1, Das Zöglingsheft des Jean Genet, SV 1994, S. 53
2, Der Leibeigene, SV 1990, S. 252
3, Leichnam, seine Familie belauernd, SV 2003, S. 144
4, Menschenkind, SV 1984, S. 175
5, Menschenkind, SV 1984, S. 42
6, Leichnam, seine Familie belauernd, SV 2003, S. 49
7, Friedhof der bitteren Orangen, SV 1993, S. 192
8, Friedhof der bitteren Orangen, SV 1993, S. 241
9, Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot, SV 2008, S. 116
10, Natura Morta, SV 2004, S. 30
11, Natura Morta, SV 2004, S. 62
12, Der Leibeigene, SV 1990, S. 116
13, Menschenkind, SV 1984, S. 189
14, Natura Morta, SV 2004, S. 60
15, Friedhof der bitteren Orangen, SV 1993, S. 228
16, Der Ackermann aus Kärnten, SV 1984, S. 63
17, Domra, SV 2000, S. 48
18, Domra, SV 2000, S. 63
19, Domra, SV 2000, S. 58
20, Der Ackermann aus Kärnten, SV 1984, S. 42