Heinz Peter Knes

( Text )
die Schwulennummer

- Auf den Titel „Die Schwulennummer“ gibt es ja immer wieder ambivalente Reaktionen...

- Ja, der ruft oftmals eine Abwehrhaltung hervor. Nicht zuletzt deshalb ist der Titel ein wichtiger Teil der Arbeit geworden. Er war zunächst als ein ironischer Kommentar zu meiner Butt-Coverstory zu verstehen. Und in dieser Logik, ein Kommentar zum Thema, wie generell schwule Themen oder Personen in der Öffentlichkeit kategorisiert werden. In der deutschen Sprache kann man zum Beispiel eine Nummer abziehen. In Fall der Schwulennummer geht es um die Nummer als eine nur halb versteckte Ambition, die durch ihre Offensichtlichkeit keinen Zweifel beim Rezipient hinterlässt. Ich war der Ansicht, somit den Reflex der Kategorisierung schon durch den Titel zum Teil der Arbeit zu machen.

Die Arbeit, unabhängig von ihrem Titel, zeigt Portraits die in einem Zeitraum von 10 Jahren, eher zufällig und autobiografisch entstanden sind. Man könnte von einer subjektiven Typologie sprechen. Keines der Bilder war ursprünglich für die Konstellation gemacht, in der sie nun gezeigt werden. Einige davon waren zuvor im Butt-Magazin veröffentlicht. Nachdem die auf mich projizierte Identifikation mit Butt oder der schwulen Sache mir wie eine Einschränkung vorkam, war meine Intention, mit einer Zusammenstellung meiner „schwulen Bilder“ die Spannung zuzuspitzen und abschließend zu manifestieren.

- Eine Nummer ist auch eine Pose einnehmen, um dadurch eine Reaktion hervorzurufen. Dadurch stellt man Identität her. Die Frage ist nur, brauchen wir heute noch diese identitätsstiftende Personen? Brauchen wir schwule Helden?

- Gute Frage... über Personen die etwas exemplarisch leben oder erarbeiten, definiert sich auch die Gesellschaft als Ganzes - noch immer; Daumen rauf, Daumen runter. Das gilt auch für Minderheitsgesellschaften. Held ist vielleicht ein zu heterosexuell vereinnahmter Begriff, doch Unbedingtheit in einer Sache ist meistens die Sache von Einzelnen und nicht von Kollektiven. Von solchen Figuren fallen mir viele Schwule ein, die unser Denken und Sehen maßgeblich geprägt haben.

- Bei der künstlerischen Arbeit von Schwulen geht es also weniger um eine Repräsentanz des Kollektiven. Es ist vielmehr so, dass der Einzelne das Kollektiv antreibt oder herausfordert. Genet, Pasolini, Fassbinder haben so gearbeitet. Erst durch das Gegenüber entsteht die Spannung.

- Ist das also die eigentliche Aufgabe des Homosexuellen in der heterosexuellen Gesellschaft?

- Der interne Widerstand? Das ist zumindest historisch gesehen, Teil der schwulen Identitaet. Es schlägt noch mal den Bogen zu den Schwulen als Untergrund, den es nur heute so nicht mehr gibt. Inzwischen haben wir, zumindest in der westlichen Welt, den gesetzlich Schutz.

- Aber aus diesem Grund gibt es auch kaum noch schwule Communities wie die früheren Subkulturen. Wir sind fast schon im Mainstream-Brei aufgegangen. Da bleibt lediglich die individuelle Entscheidung sich zu verweigern.

- Hat sich deiner Ansicht nach das Schwulsein an sich mit dem gesellschaftlichen Wandel verändert?

- Nein, finde ich nicht. Die Rahmenbedingungen vielleicht, aber am Schwulsein hat sich nichts verändert. Man hat lediglich das Licht angemacht. Schwulsein findet jetzt nicht mehr im Verborgenen statt. Aber das ist für mich nur Oberfläche. Ich bleibe trotzdem unglücklich als Schwuler. Und die Frage „warum ich?“ bleibt unbeantwortet.

- Aber durch die allgemeine Sichtbarkeit findet schon auch eine Veränderung in beide Richtungen statt. Im Idealfall werden die Blöcke zunehmend brüchig.

- Darin sehe ich ja die Schwierigkeit. Schwule konnten früher nur über Umwege Anerkennung in der heterosexuellen Gesellschaft erfahren. Heute ist die Anerkennung gegeben. Und so kommt es, dass Schwule inzwischen die heterosexuelle Technik benutzen. Sie geben den Widerstand auf. Sie verlassen das schwule Vokabular des Infragestellens, des Zerstörens. Sie verlieren ihre Identität.


Gespräch zwischen Ricardo Domeneck und Heinz Peter Knes, 2006